Sa

16

Jan

2016

   

Heiraten, wo der Pfeffer wächst - »Monsoon Wedding« – die Regenzeit gilt in Indien als besonders glücksverheißend

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So

08

Nov

2015

Acht Tage Indien / Tagebuchnotizen

Wie fühlt es sich an, einmal nicht als Verantwortlicher an einer Gruppenreise teilzunehmen? Sieht man mehr, wenn man vieles schon gesehen hat? Noch ein Selbstversuch. Diesmal freiwillig.

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Do

27

Aug

2015

Unfreiwilliger Selbstversuch in einem indischen Krankenhaus

Nach einem Schlaganfall während einer Indienreise Ende Juli 2015 musste COMTOUR-Geschäftsführer Hans-Jörg Hussong im südindischen Madurai ein Woche lang im dortigen Apollo-Hospital behandelt werden. Hier sein Bericht.

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Mi

02

Jan

2013

PLASTIKMÜLL IM VISIER – BEKOMMT INDIEN SEIN ABFALLPROBLEM IN DEN GRIFF UND SIND WIR WIRKLICH BESSER?

PLASTIKMÜLL IM VISIER – BEKOMMT INDIEN SEIN ABFALLPROBLEM IN DEN GRIFF UND SIND WIR WIRKLICH BESSER?

 

Na endlich: Für die indische Hauptstadt Delhi gilt jetzt ein absolutes Verbot von Plastik-Tüten. Absolut? Na mal sehen. Immerhin: ein längst überfälliger Anfang ist gemacht.  Denn ganz Indien versinkt in Bergen von Müll. Das kann auch ein so begeisterter Indien-Fan wie ich nicht übersehen. Im Gegenteil, gerade weil ich so von Indien begeistert bin, stinkt mir die Sache gewaltig und es ärgert mich, wenn der allgegenwärtige Dreck viele Erstbesucher schockiert.  Sooft  ich die Frage stelle, warum in Indien so wenig getan wird, um das Problem in den Griff zu bekommen, höre ich: „It’s because of overpopulation“, also Überbevölkerung.

Sicher, das mag mit ein Grund sein. Aber nicht der einzige. Ich erinnere mich an eine Szene aus den frühen 80-iger Jahren des 20. Jahrhunderts bei einem meiner ersten Besuche in Indien. Es war in Bangalore, als ich vom Balkon meines Hotels beobachtete, wie ein Küchenjunge Abfälle entsorgte. Er schleppte, Töpfe mit Essensresten auf die Straße und kippte sie in einen großen Betonring. Ach du liebe Zeit, das würde bestimmt die Ratten anlocken. Ich spurtete zum Hotel-Manager und lamentierte über solche Gedankenlosigkeit. Der gute Mann schaute mich ziemlich verständnislos an und schickte mich mit einem lapidaren „That’s not a problem“  davon.  Na, dann gute Nacht. Das hatte ich längst gelernt:  wenn Dich ein Inder mit den Worten „no problem“ beruhigen will, dann kannst Du sicher sein : Die Kacke ist am Dampfen.

Wütend über die Ignoranz des Managers verzog ich mich auf den Balkon, wild entschlossen, mich jetzt so richtig aufzuregen.  Aber inzwischen hatte sich um den Betonring ein kleiner Zoo eingefunden. Ein alter Esel und zwei mickrige Kühe machten sich über die abgegessenen „Teller“ her – große Bananenblätter auf denen in Südindien das Menu aufgetischt wird. Ganz schön praktisch, dachte ich. Solche Teller kostet so gut wie nichts, sie sind immer sauber und müssen weder gespült noch gestapelt werden. Die Entsorgung übernehmen  mit großem Appetit die auf den Straßen herumstreunenden Rindviecher, aber auch  die putzigen wildschweinartigen Ferkel.  Viele Genießer behaupten: nur wenn das Essen  auf einem Bananenblatt serviert werde,  entfalte sich  der richtige Geschmack des Gerichts. Und  gesund sei es sowieso.

Kühe, Wasserbüffel und Esel sind aber nicht die einzigen, die es an die Tafel im Betonring lockt. Köter schnappen nach Essensresten, streiten sich mit Krähen um das letzte Reiskorn und tatsächlich huschen bald auch ein paar Ratten herbei. Nach kaum 30 Minuten ist alles verputzt und der Platz ist sauber – buchstäblich wie geleckt. Die großen und kleinen Müllschlucker hatten ganze Arbeit geleistet. Das Müllproblem hatte sich von selbst erledigt.  Selbst die Papierreste, die eindeutig der Verpackung einer fettigen Speise gedient hatte, war von der Kuh mit Appetit verputzt worden.

Das erinnert mich an ein witziges Wortgefecht, das wenige Tage zuvor auf einer langen Zugfahrt von Calcutta nach Hyderabad miterlebt hatte. Da hatten sich zwei Mitreisende darüber ereifert, ob Kuhmilch nun vegetarisch sei oder nicht. Da ging es aber nicht, wie ich zunächst vermutet hatte, um die Frage vegan oder nicht „nur“ vegetarisch. Einer der beiden Streithähne hatte sich nämlich darauf kapriziert, die Kuh sei ein Allesfresser, da sie vom Müll auch Verpackungsmaterial verputze, das unter Umständen auch Fleisch enthalten habe. Deshalb könne Milch nie und immer vegetarisch sein.

All das ist gut und gerne die Jahrzehnte her, und die Zeit, in der man das indische Müllproblem mit Humor diskutieren konnte leider vorbei. Schuld daran ist vor allem der gedankenlose Einsatz von Plastiktüten. Früher verpackten Händler ihre Waren in Zeitungspapier oder große Blätter, die man einfach wegwerfen konnte, weil sie sowie schnell verrotteten. Teebuden und Kaffeeboys aber die fliegenden Händler im Zug schenkten ihre Getränke in Tässchen aus ungebranntem Ton aus, die man nach Gebrauch einfach in den Straßengraben oder aus dem Zugfenster schmeißen konnte, weil sie sowieso beim nächsten Regen wieder zu Schlamm wurden.

Heute hat sich die Unsitte verbreitet, jeden noch so winzigen Kauf – und sei es nur ein Bleistift – dem Kunden in einem Plastiktütchen zu überreichen. Und statt in Tontässchen werden Heißgetränke heute in Plastikbessern serviert. An der Gewohnheit, Abfälle einfach irgendwo hin zu werfen, hat sich allerdings nichts geändert. Wen die Abfallberge vor der eigenen Tür stören, macht sich vielleicht die Mühe den Gehweg vor dem Nachbarhaus mit seinem Dreck zu schmücken. Indien hat deshalb ein riesiges Müllproblem. Für viele Touristen ist der allzu nonchalante Umgang mit dem Abfall eine Tatsache, die in Erinnerung bleibt und das Staunen über die Zeugen einer großartigen Kultur und den bunten Alltag in den Hintergrund treten lässt.  Endlich haben die Verantwortlichen erkannt, dass so das ehrgeizige Ziel, mehr Touristen nach Indien zu locken, kaum zu schaffen ist. Diese Einsicht geht einher mit der Ahnung, dass die Ferkelei die Tourismus-Industrie um schöne Einnahmen bringt, und neuerdings auch mit der Botschaft, dass sich mit Dreck Geld machen lässt.

Die Stadt Kanpur in Uttar Pradesh ist hier mit gutem Beispiel vorangegangen. Dort wurde die Müllverwertung in private Hände gegeben. Und siehe da: die Stadt ist nicht nur sauberer geworden – Einnahmen aus Recycling wertvoller Rohstoffe wie Glas, Papier und Plastik, Energiegewinnung aus Restmüll und fruchtbarer Kompost aus biologisch abbaubarem Material haben neue Wirtschaftszweige entstehen lassen und Arbeitsplätze geschaffen. Ganz besonders profitieren davon auch die Ärmsten der Armen, die Lumpensammler, die bisher die riesigen mehr oder weniger legalen Müllkippen im Umfeld der Stadt nach Brauchbarem filzten. In Kanpur sind sie heute als fest angestellte Müllsammler von Haus zu Haus unterwegs und sorgen dafür, dass der Dreck gleich dorthin kommt, wo buchstäblich das Beste daraus gemacht wird. Wenn so etwas im notorisch unterentwickelten Uttar Pradesh, wo bis heute ein Großteil der Einwohner Analphabeten sind klappt, warum sollte es beispielsweise in Indiens Musterländle Kerala, das sich rühmt, zu 100 Prozent alphabetisiert zu sein, nicht möglich sein? Tatsächlich wurde kürzlich beim Kerala Travel Mart in Cochin vehement gefordert, mit dem Müll endlich aufzuräumen.

Ob allerdings mehr Bildung auch mehr Saubermänner hervorbringt? Gestern war ich mit dem Auto auf der Autobahn unterwegs. Beim der Abfahrt, fiel mir wieder einmal auf, dass auch hier anonyme Umweltschweine unterwegs sind und die zur dieser Jahreszeit kahlen Büsche, Straßengräben und Böschungen mit  Erinnerung an den letzten Besuch im Fast-Food-Restaurant schmücken oder auf dem Parkplatz hinter unserem Büro ihre Aschenbecher leeren. Ganz zu schweigen von den Intelligenzbolzen, die es spaßig finden, den Inhalt der öffentlichen Abfalleimer neben der Bushaltestelle auszubreiten. Ich brauche also nicht bis nach Indien fliegen, um mich über ein Müllproblem aufzuregen.

 

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Mo

26

Nov

2012

MEGASTAR CHIRANJEVI IST INDIENS NEUER TOURISMINISTER – WIRD ER DEN BÜROKRATEN BEINE MACHEN?

 

Man stelle sich vor:  Armin-Müller Stahl wird Tourismusminister der Bundesrepublik Deutschland. Undenkbar, zumal wir keinen deutschen Tourismusminister haben. Das Portfolio wird hierzulande von Herrn Rösler abgedeckt, dessen schauspielerische Qualitäten wohl eher begrenzt sind. In Indien ist das ganz anders: da ist seit dem 28. Oktober ein wahrer Superstar des indischen Kinos oberstrer Touristiker  des Landes: Konidala Siva Sankara Vara Prasad – unter diesem Namen kennt ihn allerdings auch in Indien kaum jemand.  Sein Künstlername Chiranjeevi dagegen ist in aller Munde. Der 57-jährige hat im Laufe seiner Karriere in fast 150 Filmen mitgespielt, meist in tragenden Rollen. Fast alle wurden Kassenknüller – Chiranjeevi ist deshalb ohne Zweifel  der absolute Megaheld von Tollywood, wie die in Hyderabad beheimatete Filmindustrie firmiert. Während früher eher die  künstlerisch anspruchsvollen Filmproduktionen aus Calcutta  als Tollywood-Werke bezeichnet wurden, kommt heute unter dem Namen Tollywood meist leichte Kost aus der Hauptstadt von Andra Pradesh.

Nun also wurde Chiranjeevi als Nachfolger des recht langweiligen Subodh Kant Sahay an die Spitze des indischen Tourismus-Ministeriums berufen.  Tatsächlich kann dieses Amt Glanz gebrauchen, denn seit langem gab es auf diesem Posten keinen erinnerungswürdigen  Minister mehr. Der einzige vorzeigbare Tourismus-Minister, den Indien bis dato hatte, war 1992 bis 1995 Madhavrao Scindia, der Maharaja von Gwalior. Ich hatte das Glück diese charismatische Persönlichkeit kennenzulernen, als COMTOUR 1993 das Besuchsprogramm für die Deutschland-Reisen des Ministers organisieren durfte. Höhepunkte waren seinerzeit ein Pressegespräch auf Schloss Vollrads im Rheingau und ein von uns lancierter Auftritt bei einer Thomas-Gottschalk-Show. Madhavrao Scindia, dem sogar beste Aussichten auf den Posten des Premierministers eingeräumt wurden, kam 2001 leider bei einem Flugzeugunglück ums Leben.

Seither hat eine Reihe von rasch wechselnden farblosen Figuren das indische Tourismusministerium geführt. Jetzt also soll es Chiranjeevi richten. Und bereits bei seinem ersten öffentlichen Auftritt gab er die Parole aus, die vielfältigen Attraktionen Indien in den Mittelpunkt zu stellen. Dass er sein neues Amt nicht unter dem bürgerlichen Namen sondern unter dem Künstlernamen führt, lässt erwarten, dass er sein Image und seinen Ruf in die Waagschale wirft, um für Indien zur werben. Hoffentlich erlahmt sein Elan im Dschungel der berüchtigten indischen Bürokratie nicht. Gerade in den letzten Monaten verhinderten Bremser im indischen Tourismusministerium jede Weiterentwicklung. Weil der Tourismus von der indischen Politik bisher meist stiefmütterlich behandelt wurde, war der Posten des Ministers entsprechend wenig prestigeträchtig. Wenn jetzt ein Mann diesem Amt vorsteht, den in Indien mehr Menschen kennen als selbst den Ministerpräsidenten, wird sich das wohl bald ändern.

Ein erfolgreicher  Filmstar muss noch lange kein guter Tourismusminister sein. Aber weil in Indien Leinwand-Helden geradezu als Götter verehrt werden, ist zu hoffen, dass Chiranjeevi  endlich den Bürokraten in Delhi Beine macht. Er stammt nämlich aus einer Region, die großes touristisches Potential hat, die aber bis dato kaum erschlossen ist. So hat der Neue bereits angekündigt, er wolle die Attraktionen seiner Heimat auf dem internationalen Mark ins rechte Licht rücken. Tatsächlich hat Indien mehr zu bieten als Taj Mahal und Goa. Vor allem im bisher wenig bekannte Andra Pradesh gibt es noch viel zu entdecken.

Dass Fimstars in der Politik erfolgreich sein können, wissen wir nicht nur von Ronald Regan und Arnold Schwarzenegger. In Indien gibt es etliche Beispiele von Filmgöttern, die als Regierungschefs Karriere machten. MG Ramachandran, seit 1935 Superstar des tamilischen Kinos und Hauptdarsteller des ersten südindischen Farbfilms, wurde 1977 Ministerpräsident von Tamil Nadu und bis zu seinem Tod 1994 wie ein Gott verehrt. Als Nachfolgerin wurde ebenfalls eine Schauspielerin inthronisiert, die angeblich mit MGR, wie Ramachandran genannt wurde, liiert war: Jayalitha war von 1991 bis 1996 Ministerpräsidentin, wurde dann abgewählt und wegen Korruption vor Gericht gestellt. 2001 wurde sie dennoch wieder gewählt und regiert bis heute in Tamil Nadu. Entsprechend „verunzieren“ seither überall im Lande überlebensgroße Fotos der Politikerin selbst das letzte Dorf.

Auch im benachbarten Andra Pradesh führte jahrelang ein Ex-Filmstar die Staatsgeschäfte. N.T.  Rama Rao hatte in Filmen mildtätige Götter und Rächer der Armen (im Stil von Robin Hood) gegeben, ehe er mit diesem Image für das höchste Staatsamt kandidierte und den Bundesstaat mit Unterbrechungen zwölf Jahre regierte.

Der Grand Seigneur und langjährige Superstar des Bollywood-Kino, Amitabh Bachchan, versuchte sich ebenfalls schon einmal bereits in der Politik. Auf Wunsch seines Freunde Rajiv Gandhi kandidierte er 1984 für das indische Parlament und fuhr einen der höchsten Siege ein,  den ein indischer Bewerber um einen solchen Sitz je errungen hat. Nach nur drei Jahren verlor er allerdings die Lust an der Politik, weil er in Skandale verwickelt wurde – schuldlos, wie sich erst Jahre später erwies.

Ich bin gespannt, wie lange Chiranjeevi es in seinem neuen Amt aushalten wird. Die Mühlen der indischen Bürokratie mahlen so langsam und beharrlich, dass selbst ein erfolgsverwöhnter Star viel Enthusiasmus mitbringen muss, um nicht die Geduld zu verlieren.

 

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Fr

16

Nov

2012

IM DIENST DER HYGIENE – BEGLEITMUSIK FÜR FREILUFTPISSER

IM DIENST DER HYGIENE –  BEGLEITMUSIK FÜR  FREILUFTPISSER

Heute habe ich buchstäblich ein Scheißthema auf der Pfanne, das ich in meinem Bericht über eine Bahnfahrt von Cochin nach Gokarna einmal kürzlich schon am Rande gestreift habe. Jetzt verlangt ein Bericht in der „Times of India“ nach Vertiefung. Die Zeitung schreibt von einer Initiative gegen vielfach praktizierten öffentlichen Stoffwechsel.  In 34 Dörfern rund um die Bezirkshauptstadt Jhunjhunu (im Shekavati-Gebiet)  wird Freiluftpinklern der Kampf angesagt.  Wer sich dort zum Wasserlassen an einen Baum stellt oder zum großen Geschäft öffentlich  in die Hocke geht, muss damit rechnen, dass seine Vorstellung von lautem Trommeln und Pfeifen bestört  wird. Zu diesem Zweck wurden eigens Jugendliche rekrutiert, die die Sünder vor allen Augen bloß stellen.

Wohl jeder kennt das Problem: wer muss und nicht kann, weil kein Stilles Örtchen in Sicht ist, kommt schnell gehörig in Not. Wir Männer haben da einen anatomischen Vorteil, der uns befähigt, die Situation einigermaßen dezent zu bereinigen. Wobei bereinigen in diesem Zusammenhang ja wirklich nicht das passende Wort ist. Offensichtlich ist es hilfreich, wenn Mann beim kleinem Geschäft der Umgebung die Kehrseite zeigt, nach dem Motto: wenn ich diejenigen selbst nicht erkenne, die mich dabei erkennen könnten, ist das halb so schlimm. Frauen haben’s da aber deutlich schwerer. Aber was muss, dass muss. So erlebten wir kürzlich, wie direkt vor unserem Bürofenster eine reich mit Schmuck behängte Oma in die Hocke ging und später eine veritable Pfütze den Grund ihrer Niederlassung offenbarte.

Aber ich wollte ja das Thema aus indischer Perspektive behandeln. Wenn Mann muss, stellt es sich an einen Baum, an eine Mauer, gerne auch an eine Plakatwand. Indische Frauen müssen da deutlich zu Werke gehen. Ganz selten sieht man mal eine Frau beim öffentlichen Geschäft und man fragt sich schon, wie die Damen mit dem Wasser haushalten. Denn während es die Herren munter laufen lassen, halten sich die Damen in dieser Hinsicht bedeckt. Es scheint, bei ihnen wird die Endphase des Stoffwechsels vorzugsweise im Schutz der Nacht abgewickelt.

Nun fragt sich der ausländische Besucher: Haben die Leute zuhause kein Klo? Gibt es keine öffentlichen Bedürfnisanstalten? Gute Fragen! 80 Prozent der indischen Bevölkerung, also gut 850 Millionen Menschen leben auf dem Land. Traditionell haben nur wenige Dörfler eine eigene Toilette. Die meisten gehen aufs Feld, an den Bahndamm, die Fischer meist an den Strand. So lange die Dörfer klein sind und man weitgehend unter  sich bleibt, ist das kein größeres Problem. Mit dem nächsten Regen, der nächsten Dürre, der nächsten Flut sind die Hinterlassenschaften meist verschwunden.

Problematischer ist die Situation an den Badestränden, weil natürlich kein Tourist Lust auf ein Sonnenbad  zwischen Tretminen hat. Katastrophal ist die Lage in den Großstädten und hier vor allem an Orten, wo viele Menschen zusammen kommen und deshalb die Sache wirklich zum Himmel stinkt. Versuche, das Thema durch verstärkten Ausbau öffentlicher Toiletten-Anlagen in den Griff zu bekommen, waren bisher nicht gerade erfolgreich.

Wer nach den Gründen forscht, stößt dabei – so seltsam es scheinen mag – auf die typisch indischen Hygiene-Vorstellungen. Inder sind ihrem persönlichen Umfeld extrem  reinlich, während sie im öffentlichen Bereich absolut unempfindlich gegen Schmutz und Unrat zu sein scheinen. Dies scheint mir eine Folge des Kastenwesens zu sein. Die indische Verfassung akzeptiert zwar keine Kastenunterschiede mehr. Doch tatsächlich lähmen überkommene Vorurteile nach wie vor die politische, wirtschaftliche und eben auch hygienische Modernisierung des Landes.

Im Kastensystem sind die Untersten der Untersten gerade gut genug, für alle Darüberstehenden  den Dreck wegzumachen. Niemand, der etwas auf sich hält, käme auf die Idee, selbst das Klo zu putzen.  Schon Mahatma Gandhi hat dies angeprangert und deswegen sogar einen handfesten Krach mit seiner Frau gehabt. Weil Inder, wie gesagt, extrem reinlich sind und nach Möglichkeit mehrmals am Tag ein Bad nehmen, würden sie nie eine  verschmutzte Toilette benutzen. Deshalb meiden sie von vornherein die bei uns üblichen Sitzklos, um so jeden direkten Körperkontakt zu vermeiden. Und wenn es  mal gar nicht anders geht, quälen sich auch sonst eher unsportliche Inder, um sich auf die Brille zu stellen ­– meist mit weitreichenden Folgen für die folgenden Besucher.

Wenn Topf oder die nähere Umgebung des Toiletten-Lochs nicht sauber sind,  setzen sich Inder einfach vor die Hinterlassenschaft des Vorgängers, so dass nach kurzer Zeit der Weg von der Toilettentür bis zum eigentlichen Abort mit Tretminen übersät ist und man wirklich niemanden mehr die  Benutzung zumuten kann. Aus diesem Grund ist auch die gut gemeinte Idee, zum Beispiel Fischerdörfern öffentliche Toiletten zu spendieren bisher meist verpufft. Die einzige Chance, wie sich dies langfristig ändern könnte, wäre es,  Kindern von kleinauf klar zu machen, dass wer es sauber haben will, selbst mit für Sauberkeit sorgen muss. Gerade auch im öffentlichen Raum.

Wer in Indien eine saubere Toilette sucht, findet diese unterwegs oft nur in Privathäusern. Ich habe Situationen erlebt, wo wir unseren Fahrer baten, bei einem Privathaus zu fragen. Immer wurden wir freundlich aufgenommen und nach dem Geschäft oft mit Snacks, Bananen und Tee gefüttert. Was spätestens nach wenigen Stunden zwangläufig wieder eine ähnlich motivierte Kontaktaufnehme mit der lokalen Bevölkerung notwendig machte.

Eine der peinlichsten und letztlich doch witzigesten  Begegnungen während meiner vielen Indienreisen verdanke ich im Übrigen einer unzeitigen Darmaktivität. Es war während einer langen Autofahrt:  Ein üppiges Essen vom Vorabend verlangte nach Erlösung. Versuche, überschüssige Luft abzulassen, linderten die Not nur kurzzeitig. Dann deutete sich über die Nase an, dass der Schuss buchstäblich in die Hose gehen könnte.  Auf meine barsche Aufforderung trat der Fahrer in die Bremse. Mitten auf der Fahrbahn. Ich spurtete in das nächste Wäldchen, nahm Platz in einer Mulde und ließ der Natur ihren Lauf. Dass sich während ich so saß, ein Blutegel an meinem Bein hoch hangelte, störte mich in diesem Moment weniger. Dennoch ließ ich das Tierchen nicht aus den Augen. Bevor es sich festbiss ,wollte ich es abstreifen. Inzwischen aber  hatten sich, von mir bislang unbemerkt, Zuschauer eingefunden. Gut 30 Menschen, Kinder, Frauen, Männer drängten sic h am Rande meines „Verstecks“, um zu sehen, was der Ausländer da machte.

Peinlich, peinlich! Ich hatte nämlich gleich sowohl Hose als auch Unterhose ausgezogen, und wusste jetzt nicht, wie ich mit Anstand wieder hineinsteigen sollte. Zumal ich mich noch nicht gereinigt hatte. Papier hatte ich nicht dabei, großblättrige Pflanzen waren außer Reichweite und meine Beobachter standen dicht an dicht am Rand meiner Grube. Ohne zu Lachen, aber auch ohne den Blick von dem komischen Ausländer zu wenden.

Ich weiß nicht, wie lange die peinliche Situation dauerte, wenige Sekunden nur oder etliche Minuten? Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Da nahte die Erlösung in Gestalt eines Kindes. Ein Mädchen, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt,  stellte ein mit Wasser gefülltes Eimerchen an den Rand meines Refugiums und nur Augenblicke später hatten sich alle Beobachter diskret zurückgezogen.  Ich konnte  mich in Ruhe säubern und wieder anziehen. Als ich zurück zum Auto stapfte, war weit und breit niemand mehr zusehen.  Nicht mal jemand, bei dem ich mich bedanken konnte.

Wenn ich das nächste Mal wieder in die Gegend von Jhunjhunu komme,  werde ich gehörig aufpassen, damit mir ein kostenloses Konzert ganz allein für mich  erspart bleibt.  Aber vielleicht muss man bei solchen Gelegenheit bald in ganz Indien auf der  Hut vor  Krachmachen im Dienste der Hygiene sein.  Wenn das Projekt einschlägt, soll es nämlich auch anderswo eingeführt werden.

 

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Mo

05

Nov

2012

Lonely Planet empfiehlt Hyderabad – aber die Altstadt ist in einem bedauerlichen Zustand

Die „Bibel“ der Rucksackreisenden ist längst im Establishment der  Reiseliteratur angekommen. Der „Lonely Planet“, in den später 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts als alternativer Reiseführer für junge Entdecker gestartet und seither kontinuierlich weiterentwickelt, ist heute eine weltweit anerkannte Institution und inzwischen im Besitz des britischen Medienriesen BBC. Nach wie vor brüstet sich die Reihe, die fast die ganze Welt abdeckt, mit dem Nimbus des Entdeckers. So werden alljährlich Städte und Regionen als Trendziele ausgerufen, die besucht haben muss, wer mitreden will.

Gerade hat Lonely Planet wieder seine Liste der Topstädte veröffentlich. Und hier, oh Wunder, taucht hinter den erstplatzierten San Francisco und Amsterdam tatsächlich auf Platz drei eine indische Metropole auf: Hyderabad, die Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Andra Pradesh. So sehr ich mich als Indienfan über eine solche Ehrung freue, so sehr frage ich mich, warum sie etwa vor Londonderry und Peking auf den Plätzen vier und fünf rangiert, ja warum sie sogar überhaupt auf der Liste der zehn angeblich Besten zehn geführt wird.

Lonely Planet bescheinigt der Stadt Eleganz und Stil. Ehrlich gesagt, auf diese Idee wäre ich nun nicht so schnell gekommen. In den vergangenen 30 Jahrzehnten habe ich Hyderabad insgesamt siebenmal besucht. Zum ersten Mal vor 30 Jahren. Damals lobte ich in meinem Tagebuch die Stadt als einigermaßen sauber und gut organisiert.

Bei späteren Besuchen stellte ich einen zunehmenden Verfall fest. Ich will nicht behaupten, dass Hyderabad nicht sehenswert sei. Im Gegenteil: Noch heute spürt man, dass die Stadt einmal Sitz des reichsten Potentaten der Welt, des Nizams von Hyderabad, war. Seine Vorfahren hatten sich einst als Generäle und Statthalter der Mogul-Kaiser aufgeschwungen und eigenes Königreich gegründet, das im 18. und 19. Jahrhundert den gesamten Süden Indiens kontrollierte. 80% der Stadt waren damals muslimisch und bis heute hat Hyderabad mit 40% den höchsten muslimischen Bevölkerungsanteil aller indischen Großstädte.

Wie gesagt, der sagenhafte Reichtum der Nizam-Herrscher lässt sich in weiten Teilen von Hyderabad noch erahnen. Vor allem in der Altstadt rund um das Char-Minar, dessen vier Minarette das Zentrum markieren. Allerdings sind viele der einst imposanten Paläste heute in einem mehr als bedauerlichen Zustand, dienen als Lagerhallen, Fabrikationsstätten und Handwerksbetriebe. Viele stehen ganz leer, sind allenfalls Heimstatt für Ratten sowie den Holzwurm und seine Kohorten.

Als ich mich bei meinem letzten Besuch, im Sommer 2011, neugierig einer solchen Bruchbude näherte, lockte mich ein uraltes Männchen ins Haus, um mir sein „Schloss“ zu zeigen. Früher habe seine ganze Familie hier gelebt, insgesamt über 100 Personen hätten in den rund 40 Zimmern Platz gehabt. Er führte mich die morschen Stufen einer Freitreppe hinauf und zeigte mir sein Schlafzimmer. In der Ecke des einstigen Ballsaals hing eine schmuddelige Matratze auf den ausgeleierten Federn eines rostigen Bettgestells eingerahmt von längst blind gewordenen Spiegeln. Ich könne das Haus kaufen, sagte der Alte, er sei sowieso der letzte Bewohner. Ich könne ihm schon mal eine Anzahlung von sagen wir mal  tausend Rupien (umgerechnet rund 15 Euro) geben. Du gute Mann konnte gar nicht verstehen, dass ich das großzügige Angebot ablehnte. Als mir ein Nachbarsjunge beim Verlassen des Hauses steckte, der Mann sei gar nicht der Besitzer des verrotteten Palasts, sondern früher Stallbursche der Herrschaft gewesen, wunderte mich das nicht besonders.

Wo sind aber die früheren Besitzer geblieben? Viele haben sich ins Ausland abgesetzt, auch die Nachkommen der früheren Herrscher. Die leben heute auf großem Fuß in Istanbul. Ihre einst prächtigen Bauten verfallen. Es sei denn, es finden sich Investoren, die den alten Glanz wieder aufscheinen lassen wollen.

So wie Indiens noble Hotelgruppe Taj. Die hat einen der schönsten Paläste der Stadt, den Faluknuma Palast langfristig gepachtet und in 15-jähriger Bauzeit stilsicher und sorgfältig restauriert. Der Taj Faluknuma Palast ist heute eines der nobelsten Hotels Indiens wenn nicht sogar der Welt.

Man ahnt, was aus der Stadt werden könnte, wenn weitere Bauten ähnlich behutsam gerettet werden könnte. Als ich den Vorschlag machte, für Hyderbad den Status eines UNESCO Kulturerbes zu beantragen, um so die Mittel für die Rettung der Altstadt aufzutreiben, erntete ich nach anfänglicher Zustimmung schnell vehemente Ablehnung. Denkmalschutzauflagen seien ein Hemmschuh für die Entwicklung einer modernen Stadt.

Dabei ist die moderne Schwesterstadt Secunderabad schon lange bevorzugter Standort moderner Betriebe und vor den Toren der Stadt entsteht mit Cyberabad derzeit eine IT-Stadt, die Bangalore den Rang als Silicon Valley Indiens ablaufen möchte. Und knapp 40 Kilometer außerhalb von Hyderabad ist in den letzten Jahren mit der Ramoji Filmcity in den letzten Jahren die wohl aufwändigste und modernste Produktionsstääte für Filme gewachsen, weshalb viele große indische Produktionen  nicht in Bollywood (= Bombay) sondern hier gedreht werden. Touristen könnten die Produktionsstätten besichtigen, Studiotouren manchen und sogar in unmittelbarer Nähe der Studios in einem Luxushotel übernachten.


Der neue Flughafen von Hyderabad ist wohl der modernste des Landes und mit dem  HITEX Messegelände gibt es in Hyderabad einen Ausstellungsplatz von internationalen Format.  Dass es umso sinnvoller wäre,  den Tourismus anzukurbeln würde, lässt sich am Beispiel des Golconda Forts (12 km außerhalb der Stadt) nachweisen. Bei meinen früheren Besuchen waren die Ruinen der Festung kaum erschlossen und  zum großen Teil von dichtem Buschwerk überwuchert. Entsprechend wenige Besucher machten sich die Mühe, den steilen Weg hinauf zu erklimmen. Als ich im Sommer 2011 wieder einmal den Auftsieg wagte, fand ich befestigte Weg und Treppen und eine vorbildlich restaurierte Festungsanlage vor. Und trotz des etwas verregneten Tages strömten die Besucher in Scharen.

So konnte man wenigsten etwas von der Pracht und der Macht des Ortes erahnen, in dessen Schatzkammer einmal die wertvollsten Diamanten der Welt verwahrt wurden. Golkonda war einst Zentrum des internationalen Juwelenhandels, wo die Funde aus den Diamantenminen von Kollur gehortet wurden. Seinerzeit gab es in  Indien weltweit die einzigen bekannten Diamanten-Vorkommen. Auch der sagenhafte Kohinoor, der größte Diamant der Welt, der heute die britische Krone schmückt, stammt aus der Gegend von Golkanda.

 

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Do

25

Okt

2012

Mehr Löwen in Indien – aber noch längst kein Grund zum Jubeln

Der Gir Nationalpark hat gerade gemeldet, dass in den Sommermonaten rund 90 Löwenbabys geboren wurden – 15 mehr als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Auch das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Löwen hat sich deutlich verbessert: 97 Löwen und 162 Löwinnen bilden einen gute Basis für mehr Nachwuchs. Aber das ist noch lange kein Grund zum Jubeln. Denn das Schutzgebiet in Gujarat ist längst schon zu klein für den derzeitigen Bestand. Dies hat in der Vergangenheit bereits dazu geführt, dass Löwen sich bereits mehrfach weit aus dem Schutzgebiet entfernt haben und auf der Suche nach Nahrung bis zur 50 Kilometer weit entfernten Küste bei Somnath herumgestreift sind. Dass es dabei auch zu Konflikten mit der ländlichen Bevölkerung kommen musste, ist klar.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, empfehlen Wissenschaftler, die Einrichtung neuer Schutzgebiete. Dies wurde schon versucht, ist aber kläglich gescheitert, weil bisher keine entsprechend geeignete Gebiete ausgewiesen wurden. Der Plan, Löwen aus Gujarat in anderen Regionen umzusiedeln, scheiterte bisher am Veto der Regierung des Bundesstaates Gujarat, die den Ruf des Staates als letztes Refugium des asiatischen Löwen eifersüchtig hütet. Das für die Umsiedelung vorgesehene Kuno-Reservat in Madhya Pradesh wäre allerdings ohnehin kein idealer Lebensraum für den „König der Tiere“.  Denn dort dominieren mächtigere Konkurrenten –Tiger.  Sie würde den Neuankömmlingen in kurzer Zeit den Garaus machen.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts kamen in Indien Löwen und Tiger in großer Zahl vor. Beide wurden heftig bejagt und weitgehend ausgerottet. Wobei die Löwen die schlechteren Karten hatten. Sie bevorzugen offenes Grasland als Jagdgebiet und jagen in Familienverbänden. Tiger sind Einzelgänger und bewegen sich – für Menschen meist kaum sichtbar – im dichten Dschungel. So ist der Gir Nationalpark tatsächlich bis heute die letzte Zuflucht der asiatischen Löwen, die einst vom Mittelmeer bis nach Nordindien verbreitet waren.

Auch wenn es gelänge, Löwen aus Gir in andere Regionen umzusiedeln, bliebe ein weiteres riesiges Problem: Inzucht, weil sich die indische Löwen-Population seit Generationen fast nur innerhalb der Familie fortplanzt. Auch in Gefangenschaft gibt es kaum noch reinrassige asiatische Löwen, weil Zoos früher unbekümmert asiatische und afrikanische Löwen zusammengesperrt haben und das Genmaterial entsprechend verunreinigt ist.

Auch an diesem Beispiel zeigt sich: was der Mensch ausrottet, ist beim besten Willen unwiederbringlich verloren.

 

 

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Mi

24

Okt

2012

18 Stunden im Takt der Schienen – mit der Bahn von Cochin bis Gokarna

18 Stunden im Takt der Schienen
– mit der Bahn von Cochin bis Gokarna

 

30.09.2012

Der offizielle Teil des KTM (Kerala Travel Mart) ist mit einer Party im Brunton  Boatyard Hotel geendet. Ich habe mich mit Rai verquatscht. Mein Fahrer, der mich zum Bahnhof bringen soll, ist schon supernervös. Der Zug nach Mangalore geht laut Fahrplan um 23.55 Uhr. Jetzt ist es 23.35 Uhr. Joseph tritt das  Gaspedal fast bis zum Straßenbelag durch und hupt alle zehn Sekunden. Aber das beeindruckt höchstens die Köter, die es sich mitten auf der Straße bequem gemacht haben und sich jetzt eher missmutig als verärgert zur  Seite trollen.

Joseph jammert. Wir kommen bestimmt zu spät. Ich beruhige ihn. Der Zug hat bestimmt sowieso  Verspätung. Vor ein paar Jahren habe ich auf den gleichen Zug genau hier schon mal geschlagene drei Stunden gewartet.

 

Joseph lässt sich nicht beirren und gibt Gas. 23.54 Uhr: Wir sind am Bahnhof. Keine Minute zu früh – der Zug rollt gerade ein. Jetzt muss ich doch mindesten einen Zahn zulegen, denn es gilt, meinen Platz zu suchen. In der unreservierbaren Dritten Klasse hocken sie schon aufeinander wie in der sprichwörtlichen Ölsardinenbüchse. Aber ich habe zum Glück eine vorgebuchte Liege in der klimatisierten Zweiten Klasse. Aber wo ist der entsprechende Wagon?

Ich zerre meinen Koffer hinter mir her und wundere mich irgendwie über irgendetwas. Worüber, da muss ich mir später klar werden. Endlich habe ich den Wagon gefunden, da bimmelt auch schon das Signal zur Abfahrt. Geschafft!

Noch lange nicht. Im Wagon ist es stockdunkel, die Vorhänge zu den Schlafabteilen sind schon zugezogen. Es ist schließlich schon nach Mitternacht. In der Zweiten  Klasse gibt es auf der einen Seite des Gangs jeweils zwei quer zur Fahrtrichtung angeordnete Liegen in unteren Etage und die gleiche Konstellation noch mal ein Stockwerk darüber. Auf der anderen Seite des Gangs gibt es zwei übereinander platzierte Liegen in Fahrtrichtung. Wer so eine erwischt, kriegt bei jedem Stopp eine ordentliche Kopfnuss.

 

Laut Ticket sollte mir das erspart bleiben. Für mich ist eine der unteren Liegen quer zur Fahrtrichtung reserviert. Aber  wo ist mein Platz, verdammt noch mal?

Es bleibt mir nichts anderes übrig - ich muss hinter jeden Vorhang schauen. Wo ist eine freie Liege? Wo ist mein Bett? Endlich taucht der Schaffner auf, einen weiteren verzweifelt suchenden Passagier im Schlepptau. Zielsicher reißt der Beamte einen Vorhang auf und verweist Schweinsteiger und Michael Jackson, die es sich in der unter Abteilung gemütlich gemacht haben, des Feldes.

Den beiden, die sich mit  der Wahl ihrer T-Shirts offensichtlich zu ihren Vorlieben bekennen, stinkt diese  Entwicklung offensichtlich. Sie wollen wohl lieber mit den Kumpels im oberen Stockwerk klönen: Sharukh Khan und Bob Marley – deren Portraits schmücken jedenfalls die T-Shirts. Die vier wollen mit uns handeln. Mit dem Schaffner, dem zweiten Neuankömmling und mir. Wir sollen auf die Plätze auf der anderen Seite  des Ganges ausweichen. Ich bin  nicht scharf auf nächtliche Kopfnüsse und auch nicht auf eine Kletterpartie. Der andere poltert. Was sich die vier Hosenscheißer erlauben würden, er sei schließlich Politiker, Schuldirektor, Klinikchef und wer weiß noch was. Der Schaffner ist beeindruckt, die zwei überzähligen Youngster ziehen maulend ab. Als Schweinsteiger die Seite wechselt, grunzt es. Direkt aus seiner Hose. Ob er ahnt, dass der Klingelton zum Trikot passt?

 

Wie auf Kommando lassen alle vier ihre Handys sprechen. Sharukh Khan meldet sich mit einer Bollywood-Schnulze, Michael Jackson mit "Thriller", Schweinsteiger – wie gesagt – hat ein Ferkel als akustisches Erkennungszeichen. Bob Marley fällt aus der Rolle und bekennt sich mit Beethovens "Für Elise" zur abendländischen Kultur.

Ich kann  mich nicht bremsen, ihn darauf anzusprechen. Er möge diesen netten Popsong eben, bekennt er.  Ach so.

In einem gewissen Umfeld hat Klassische Musik aus dem Westen tatsächlich auch in Indien einen  festen Platz. Vivaldi, Bach, Händel und Mozart müssen oft als Hintergrund-Berieselung in gehobenen Restaurants herhalten. Ich erinnere mich an ein Erlebnis im Coffey Shop des Taj Mahal Hotels in Bombay: Dort lief während des Essens der erste Satz der "Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi vom Band. Soweit so gut. ABER! Das Band setzte jedes Mal unmittelbar vor der Auflösung des Leitmotivs aus und startete ganz von vorn. Das nervt mit der Zeit gewaltig. Nachdem ich den Kellner bereits dreimal vergeblich gebeten hatte, mir die nächste unvollendte Wiederholung zu ersparen, ließ er mich im Brustton der Überzeugung wissen: "Sir, this is western pop music!" Wenn das so ist. Gegen solches Fachwissen gibt es eben keine Einwände.

Jetzt also Elise.

 

Der Schaffner bringt Bettzeug: für jeden Fahrgast jeweils eine Wolldecke, zwei weiße Laken und ein frisch bezogenes Kopfkissen.

 

01.Oktober 2010

Es ist jetzt 01.25 Uhr, der Zug tuckert nach  Norden. Verhältnismäßig sanft, wenn ich mich an frühere Nachtfahrten erinnere. Da müssen etliche Modernisierungsmaßnahmen erfolgt sein. Noch knapp neun Stunden bis Mangalore, meinem ersten Etappenziel.

Eine Klingelton-Kakophonie schreckt mich auf: es grunzt und thrillert und Bollywood samt Elise melden sich ebenfalls zu Wort. Es ist jetzt 03.45 Uhr, wahrscheinlich müssen die Youngster gleich aussteigen. Komischerweise lassen sie ihre Klamotten zurück. Als ich kurz darauf zum Pinkeln gehe, erwische ich die vier an der offenen Zugtür beim Rauchen. Wenig später krabbeln sie wieder in ihre Kojen. Einer lässt noch einmal Dampf ab, ich glaube, es war Marley, aber es riecht so gar nicht nach Elise, sondern eher nach Curry. Dann war es wohl doch Sharukh Khan. 

 

Gegen halb sechs kräht der Hahn – Mr. Politiker? Schuldirektor? Klinikchef? hat auf seinem Handy diesen tierischen Weckruf eingestellt. Wir erreichen in Kürze Kannur. Dort muss er raus. Schweinsteiger und Co sind irgendwann zwischendurch verduftet. Ich habe nichts davon mitbekommen.

Es wird allmählich hell. Ich packe mein Bettzeug zusammen, klappe die Liege nach oben und rücke ans Fenster.

 

Draußen herrscht schon hektische Betriebsamkeit. Wie noch vor 30 Jahren, als ich erstmals mit der indischen Eisenbahn sieben Wochen lang kreuz und quer durch dieses riesige Land gezuckelt bin, pilgert ein Großteil der Landbevölkerung jeden Morgen zum Bahndamm, bewaffnet mit einem Eimerchen, einer Plastikflasche oder zumindest einer Konservenbüchse mit Wasser. Zum Sauberwischen mit der linken Hand. Getrennt nach Männlein und Weiblein gehen die Pilger auf dem Bahndamm in Position, to perform the morning job – also um ihr Morgen-Geschäft zu verrichten. Die Damen erledigen das weitgehend im Schutze ihres Saris, während die Herren zwar ihr Gesicht wahren, dafür aber ungeniert die blanke Kehrseite dem im Zug vorbei rauschenden Publikum  präsentieren. Wer es übrigens komisch findet, dass man in einfachen indischen Toiletten selten Klopapier aber wenigstens einen Wassereimer, oft sogar eine Po-Dusche findet, sollte wissen, dass Inder unsere Reinigungsmethode für eine unhygienische Schmiererei halten.

 

Dem Morgengeschäft folgt in der Regel ein ausgedehntes Bad. Auch das kann man vom Zug aus beobachten. Entweder schüttet man sich das Wasser eimerweise über den Kopf oder nimmt ein  Vollbad im Teich oder im Fluss. Die Frauen tauchen meist in voller Montur unter, dann sind die Klamotten auch gleich gewaschen.

 

Am nächsten Bahnhof – wir haben inzwischen Bekal erreicht – gibt es Frühstück: Zugestiegene Essensverkäufer preisen Pakoras, Samosas, Omelets, Tschai und Kappi = Kaffee an. Ich nehme einen Becher Kaffee für fünf Rupien und weil der Verkäufer auf meinen Zehn-Rupien-Schein nicht rausgeben kann und auch kein Trinkgeld will, gleich noch einen zweiten. Zwei Kaffee für umgerechnet nicht einmal 20 Euro-Cent!

 

Noch eine Stunde bis Mangalore. Da klingelt mein Handy. Wer kann das sein? Meine neue indische Nummer kennt doch noch kaum jemand. Der Anrufer stellt sich als Zorro vor. Er sei mein Fahrer und warte auf mich am Bahnhof von Mangalore. Das muss ein Missverständnis sein. Ich habe kein Auto bestellt, sondern will in knapp drei Stunden mit dem nächsten Zug nach Gokarna Road weiterfahren. Aber tatsächlich fängt mich Zorro direkt ab, als ich aus dem Zug klettere – ein schmächtiges Kerlchen, dem man schon wünscht, der Plan der Eltern, dem Sohn mit dem Namen auch die Kraft eines Westernhelden mitzugeben, sei wenigstens teilweise aufgegangen.  Hartnäckig besteht Zorro darauf, dass er eigens dafür angeheuert sei, mich zum Gateway Hotel zu bringen, wo ich frühstücken und duschen könne, dann werde er mich wieder zum Bahnhof fahren.

 

Da hat es mal wieder besonders gut mit mir gemeint, dabei habe ich mich schon so darauf gefreut, mal wieder das Leben und Treiben auf dem Bahnhof zu beobachten und in der Bahnhofskantine eine leckere Paratha mit Sambar zu essen. Allenfalls die Aussicht auf eine Dusche ist verlockend. Aber trotzdem bin ich ziemlich vergrätzt über meine Freunde von unserer Agentur in Delhi. Dass die mir nicht zutrauen, allein mit einem läppischen Zugwechsel zurecht zu kommen. Dabei habe ich in den vergangenen 31 Jahren bestimmt mehr Reiseerfahrungen in Indien gesammelt als die meisten Inder.

Ich beschließe, mich weiterer Bemutterung soweit wie möglich zu entziehen. Nach gut zehn Minuten fährt Zorro beim Taj Gateway Hotel vor. Obwohl ich hier ja nur duschen und frühstücken will / soll, muss ich die komplette Anmeldeprozedur samt Eingabe der Passnummer absolvieren. Die Dusche tut natürlich richtig gut, aber im Restaurant erwartet mich eine weniger willkommene Nachricht: Der General Manager freut sich auf ein Gespräch mit mir. So ist das eben in Indien. Nichts ist wirklich umsonst. Ich dehne das Frühstück aus, damit der angedrohte Smalltalk möglichst kurz ausfällt. Und richtig, kaum habe ich die Lobby betreten und mich dem Hotelchef ausgeliefert, da naht auch schon Erlösung in der Gestalt von Zorro, der zum Aufbruch drängt.

 

Jetzt muss ich mir etwas einfallen lassen, denn ich will unbedingt vermeiden, dass er mich auf meinen gebuchten Platz im Zug verfrachtet. Ich habe mir nämlich vorgenommen nicht in der klimatisierten Klasse zu fahren, sondern mich in der nicht klimatisierten Klasse unters Volk zu mischen.

 

Während Zorro Richtung Bahnhof rast, bitte ich ihn, an einer Uhrmacherwerkstatt zu halten. Ich brauche tatsächlich ein neues Armband für meine Uhr und eine Batterie. Er hält tatsächlich an einem winzigen Schuppen, der mehr wie eine Schrottbude als eine Werkstatt aussieht. Der Uhrmacher stinkt nach Fusel und guckt auch ziemlich schräg aber er wühlt aus einem Müllberg tatsächlich ein Päckchen Batterien und sogar ein, wenn auch nicht ganz passendes Armband heraus, baut die Batterie ein und befestigt das Armband und verlangt 60 Rupien, nicht mal einen Euro.

 

Zorro wird von Sekunde zu Sekunde nervöser. Aber meine Rechnung geht auf. Wir erreichen den Bahnhof in letzter Minute, während er nach einmal Parkplatz sucht, mache ich mich selbst mit meinem Gepäck auf den Weg. Er will gleich nachkommen und mir meinen Platz zeigen. Ich steige in den erstbesten Wagon, der noch etwas Platz bietet und gehe in Deckung. Gleich darauf taucht Zorro auf, sieht sich suchend um und spurtet an mir nach vorn zu den Wagen der besseren Klasse. Hoffentlich findet er jetzt meinen Platzt nicht. Da setzt sich der Zug in Bewegung. Gleich drauf klingelt mein Telefon. Zorro fragt, ob ich meinen Platz gefunden habe. Ich lüge und verspreche, nicht zu petzen, dass er mich nicht ordnungsgemäß abgeliefert hat.

 

Ein Blick auf den Bahnsteig erinnert mich darauf, dass mir gestern Abend schon etwas komisch vorkam, ich aber nicht recht wusste, was mich verwundert hatte. Jetzt weiß ich’s. Auf den Bahnhöfen ist es picobello sauber. Das war nicht immer so. Von früheren Bahnfahrten kenne ich Bahnhöfe, die waren schmutziger als der versiffteste Saustall.

 

Ich schaue mich im Abteil um. Es ist hier schon etwas schnuddeliger als in der besseren Klasse. Aber die Fahrt nach Gokarna, meiner nächsten Station dauert ja nur vier Stunden.

Zunächst hoffe ich, dass ich niemand den Platz weggenommen habe. Der Kontrolleur weist mich darauf hin, dass ich eigentlich einen besseren Platz gebucht habe. Ich soll an der nächsten Station nach vorn umsteigen. Ich glaube, er hält mich für spinnert, als ich ihm sage, dass ich lieber hier bleibe. Ein Mitreisender meckert, er habe eigentlich in der klimatisieren Klasse reisen wollen, aber seine Reservierung sei nicht mehr möglich gegeben. Ich biete ihm an, auf meinen Platz zu wechseln. Nein sagt er, sie seien ja zu viert und außerdem wollten sie bis Bombay. Er reist mit einer jungen Frau, die etwa halb so alt und auch halb so umfänglich wie er ist und den zwei Kindern. Er stellt sich als Baby Roger vor, seine Söhne heißen Gopal (10) und Chandu (8), wo bei der achtjährige genauso alt aussieht wie sein älterer Bruder und von der Statur auf den Vater herauskommt, während Gopal schlank und hübsch ist, wie seine Mutter, deren Name mir verschwiegen wird. Mr. Roger outet sich als Ingenieur, der in Bombay auf einer Großbaustelle arbeitet und für die Schulferien die Familie in die Großstadt mitnimmt. Ob ich nicht für ihn einen Arbeitsplatz in Deutschland wisse, fragt er. Ich teile ihm mit, dass er da erst mal Deutsch lernen solle. Er meint, das sei kein Problem. Tatsächlich sind die meisten Inder sehr sprachbegabt. Er will mir mitteilen, was er von Deutschland weiß und nennt Namen. Zum Glück will er von mir nichts über deutsche Fußballern wissen, dafür aber erwähnt er Karl Marx und Adolf Hitler. Ich mache mich darauf gefasst, ihm zu erklären, warum wir Deutschen nicht so gerne auf den Führer angesprochen werden, da entschuldigt er sich, er sei müde und klettert zum Pennen auf eine obere Liege. Frau und Kinder tun es ihm gleich.

 

Baby Roger! An dieser Stelle ein kleiner Exkurs über indische Namen. Namen wie in Europa – also eine Kombination Vorname und Familienname –  werden in Indien nur langsam üblich. Wenn jemand also Baby Roger heißt, ist nicht von vornherein klar, ob Baby der Vorname oder der Familienname ist. Das führt bei Anreden aber auch beim Ausstellen offizieller Dokumente zu Verwirrungen. Traditionell hat ein Inder nur einen Vornamen, der zu besseren Unterscheidung oft durch zwei Initialen ergänzt wird. Dabei ist das erste Initial meist der erste Buchstabe des väterlichen Namens, das zweite steht für ersten Buchstaben des Heimatortes der Familie. So bedeutet etwa S.K. Ramesh, dass der Träger Ramesh gerufen wird und ein Sohn von Sabu ist, dessen Familie aus dem Dorf Kendrahar stammt. Manchmal benennen Eltern ihre Kinder auch mit westlichen Namen und Begriffen. Wenn also jemand den Vornamen Baby trägt, dann hat man ihn als Säugling so benannt und niemand denkt sich etwas dabei, wenn er auch als Opa noch so gerufen wird. Populäre Namen dieser Art sind auch Pretty, Shiny oder Flower für Mädchen, Roy, Strong oder Money für Jungs. Joy oder Happy kommen bei beiden vor. Gelegentlich stößt man auf ganz lustige Namen. So kenne ich in Madras einen Guide, der Stalin heißt und auch ein Mr. Pumpernickel ist mir schon begegnet.

 

Der Zug fährt jetzt in die nächste Station ein. Auf dem Schild lese ich Udupi, obwohl ich keinen Hunger habe, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Udupi ist die Heimat der legendären Udupi-Küche. Ursprünglich wurden die leckeren, vegetarischen Gerichte ausschließlich von Priestern und Köchen des berühmten Krishna-Tempels von Udupi gekocht. Heute findet man Udupi Restaurants in ganz Indien. Wer gesund, schmackhaft und preiswert speisen will, ist da immer richtig.

 

In Udupi steigen neue Gäste ein. Zunächst ein schrecklich verstümmelter Bettler, der auf den Knien durch die Wagons rutscht und seine Hand aufhellt. Nur wenige Passagieren zeigen sich hartherzig. Dann tauchen grell geschminkte Frauen auf, die selbst die schlafenden Fahrgäste durch aggressives Klatschen wecken und betteln, nein regelrecht einfordern. Jeder macht schnell den Geldbeutel auf, denn die Damen zeigen ausgeprägte Rasierspuren und sind tatsächlich keine Frauen, sondern Hijras: Eunuchen, deren Unmut sich keiner zuziehen will, denn Ihre Flüche gelten als sehr gefährlich. Mich lassen sie komischerweise in Ruhe. Aber wenn sie auch bei mir hartnäckig geblieben wäre, hätte ich mich wohl kaum gedrückt, denn ich habe keine Lust, das zu sehen, was sie nicht mehr haben. Die Narben der Kastrationswunde sind partout kein schöner Anblick und es ist mir schon einmal passiert, dass so ein Hijra schon den Sari gelüpft und die Bescherung demonstriert hat, als ich kein Geld rausrücken wollte. Hijras gelten als das dritte Geschlecht. Da sie selbst keine Nachkommen zeugen können, rekrutieren sie den Nachwuchs durch Kindesentführungen und andere kriminelle Maßnahmen. Viele Hijras sind Zuhälter oder selbst Prostituierte. Während meiner Fahrt nach Gokarna kassieren sie dreimal bei denselben Leuten ab.

 

Ein Muslim mit gehäkelten Mützchen und wallendem Bart steigt zu, und weist den beiden Frauen ihren Platz zu. Die zwei Frauen sind komplett verschleiert, nur die Augen sind zu sehen – geheimnisvoll, vielversprechend und als sie vorübergehen weht ein verführerischer Duft zu mir. Welche Schönheiten mögen in den rabenschwarzen Säcken stecken? Ich frage mich, wie wenig Selbstwertgefühl so ein Despot wohl haben muss, wenn er die Frauen derart vermummen muss.

 

Der Zug macht jetzt an jeder Station längere Pausen. Er muss jeweils warten bis der Gegenzug vorbei ist, die Strecke führt durch mehrere Tunnels, die nur einspurig zu befahren sind. Wir haben inzwischen bereits eine Verspätung von 50 Minuten. Aber das ist ja noch gar nichts. Sujith ruft mich aus Bangalore an. Er hat gerade im Fernsehen gesehen, dass weiter vorn ein Zug liegen geblieben ist, die Strecke nach Goa deswegen vorrübergehend gesperrt. Aber ich bin ja gleich am Ziel.

 

Tatsächlich taucht jetzt das Stationsschild von Kumta auf. Dann sind es ja nur noch 20 Minuten bis Gokarna Road. 18 Stunden mit der Bahn. Nicht gerade bequem aber eine wirklich schöne Dosis indischer Alltag. Es hat sich gelohnt.

 

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